Nicht kaputt - nur über Last
Am Ende war es ein Wochenende, das ich mir anders ausgemalt hatte.
Am 1. Mai war ich bei befreundeten Familien unterwegs. Wir vier Jungs – seit Kindergarten und Grundschule zusammen. Früher natürlich mit Kindern, mit Leben am Rand, mit Lärm und Bewegung. Dieses Jahr waren wir zum ersten Mal ohne unsere Kinder unterwegs. Und trotzdem war es gut. Es gab Gespräche, in denen man nicht „leisten“ muss. Erinnerungen, die nicht in Leistung verpackt sind. Ich habe keinen Alkohol getrunken. Nicht als Disziplin, sondern weil ich für mich schlicht gemerkt habe: Das ist gerade richtig.
Dann kam Samstag.
Samstag war für mich eine Mischung aus Hof, Büro, Familie. Und am Abend dann eine Geburtstagsfeier. Viele Menschen, viel Essen, viele Gespräche. Auf den ersten Blick alles stimmig. Aber es gab diesen Raum: ungünstige Akustik. Zu viel Lautstärke. Und dazu sehr laute Musik. Der Körper hat es früh verstanden. Ich nicht wirklich.
Ich war sowieso schon erschöpft. Und dann kamen Reize dazu, die nicht verhandelbar sind. Zu spät merkte ich, dass ich nicht nur „müde“ war, sondern dass mir der Input buchstäblich Energie abzog. Nachts habe ich noch Fahrdienste übernommen, Menschen nach Hause gebracht. Nur ungefähr eine Stunde geschlafen. Dann wieder aufgestanden, gefahren und wieder ins Bett gegangen. Am Morgen hatte ich einen dröhnenden Kopf. Nicht vom Denken. Sondern von zu viel, das sich festgesetzt hatte.
Sonntagmorgen war ich zwar irgendwie mit Schwung unterwegs. Gleichzeitig fühlte es sich an, als hätte jemand die Handbremse angezogen. Du kennst das vielleicht: Du willst starten, aber es läuft nicht in den richtigen Bahnen.
Ich hatte mir einen ganzen Block vorgenommen – alles, was sich angesammelt hatte.
Und dann kam der Moment, der alles gekippt hat: Ein Problem in meinem Buchführungsprogramm. Daten verschwunden. Nicht „irgendwie unübersichtlich“. Einfach weg. Als wäre eine Wand vor mir entstanden, die vorher nicht da war.
In dem Moment hat es innerlich geknallt. Es hat mir den Stecker gezogen – völlig.
Ich war platt, erschöpft, verzweifelt. Ich war nicht mehr klar genug, um mich zu beruhigen. Ich war wütend, frustriert, und irgendwie auch leer. Nicht leer im Sinne von „ausgeruht“. Leer im Sinne von: Da ist kein Zugriff mehr.
Ich wollte nicht sitzen bleiben. Ich bin Fahrrad gefahren. Etwa anderthalb Stunden. Ich habe das nicht als Training gesehen, sondern als Ausweg. Körper auspowern, in der Hoffnung, dass es sich danach besser anfühlt. Die innere Unruhe blieb. Der Kopf blieb voll. Der Sport konnte es nicht auflösen.
Und so ging der Tag weiter – ohne echte Verbesserung.
Ich stand neben mir.
Mein Körper wollte nichts mehr von der Idee „produktiver Tag“. Meine Pläne waren noch da, aber sie fühlten sich wie ein schlechter Film an, den ich gerade anschauen musste. Meine Me-Time ist dann nicht zur Me-Time geworden. Sie wurde eher zu einem Ringen mit mir selbst: Wut, Enttäuschung, Selbstverlust.
Ich habe mich schließlich in den Sessel in unserer Diele gesetzt. Ohne Fernseher. Ohne Ablenkung. Einfach nur sitzen.
Das war unspektakulär. Und vielleicht macht genau das es heute noch so bedeutsam.
Später habe ich gemerkt: Ich habe mich auf meinen Körper konzentriert. Nicht als Wellness, nicht als „ich kümmere mich jetzt“. Sondern weil ich es nicht mehr anders konnte. Und weil es das Einzige war, was noch stimmig war.
Ich habe ein Buch genommen, das sich mit Gefühlen beschäftigt. Keine großen Theorien. Eher das, was man braucht, um sich selbst wieder zu erreichen. Und als unsere Kinder nach Hause kamen, habe ich offen gesagt, dass es mir nicht gut geht. Sie haben Rücksicht genommen. Ruhig gehalten. Keine Musik. Kein Fernsehen.
Und nach und nach habe ich gespürt, wie gut mir diese Ruhe tut. Nicht als Flucht. Als Regulation.
Mehrere Stunden hat das gedauert. Nicht schnell. Nicht „weg-weg“. Sondern: langsam, ehrlich, in kleinen Schritten zurück zu mir.
Erst am Abend war es besser. Und dann kam die Erkenntnis, die ich eigentlich schon vorher hätte haben können: Ich wollte zu viel. Ich habe versucht, alles „mit dem Kopf durch die Wand“ zu erledigen. Und mein Körper hat entschieden, dass das so nicht weitergeht.
Am nächsten Morgen bin ich dann bewusst mit einem guten Lauf in den Tag gestartet. Kaffee genommen. Ruhig und klar. Dinge erledigt. Und gleichzeitig gemerkt: Mir geht es wieder gut.
Ich habe mir zusätzlich einen Gedanken aus einem Buch geholt, das ich aktuell lese. „Zebra“ als Bild für besondere, sensible Menschen mit Tiefe – Menschen, die sich in dieser Welt manchmal weniger als „Fehler“ erleben und mehr als jemand, der anders verarbeitet, anders wahrnimmt, anders reguliert.
Das Zebra war für mich nicht einfach ein Begriff. Es war eine Linse auf mein Wochenende. Eine Erinnerung: Ich war nicht falsch. Ich war über Last. Und wenn das so ist, dann braucht es nicht härtere Anstrengung, sondern Orientierung. Einen Umgang, der mich nicht ständig überfordert. Einen Umgang, der Ruhe nicht als Faulheit verkauft, sondern als etwas, das mein System braucht.
Vielleicht ist das auch für Dich eine passende Stelle.
Wenn Du gerade funktionierst, obwohl es innerlich hohl wird: Schau hin. Nicht, um Dich zu beschuldigen. Sondern um wieder zu finden, was Dich trägt – noch bevor alles kippt.
Und wenn Ruhe sich erstmal wie „nichts tun“ anfühlt: Vielleicht ist es genau das Gegenteil. Vielleicht ist es der erste Schritt zu Orientierung.